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Sören Reinhard

Dr. Sören Reinhard

Dr. Sören Reinhard ist Diplom-Lebensmittel­chemiker mit Berufserfahrung in Industrie und Wissenschaft. Seiner Promotion im Fach Pharmazeutische Biologie in München schloss sich ein Forschungsaufenthalt in den USA im Bereich Bioingenieurwesen an. Seit 2019 arbeitet er als freiberuflicher Autor und behandelt Themen der Gesundheit, Ernährung und Medizin.

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische, autoimmun vermittelte, entzündlich-degenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems, betrifft also Gehirn und Rückenmark. Die Erkrankung führt zu einer Schädigung von Nervenzellen und Myelinscheiden, die Ausläufer von Nervenzellen umhüllen.

Die Erkrankung verläuft typischerweise in Schüben. Da Entzündungen überall im zentralen Nervensystem auftreten können, sind die Symptome sehr gemischt und vielfältig. Häufig treten Sehstörungen, Empfindungsstörungen, Lähmungen und psychische Auffälligkeiten auf. Frauen sind deutlich häufiger von MS betroffen als Männer. Auch regionale Häufungen, beispielsweise in Skandinavien und Nordamerika werden beobachtet.

Die Ursache der Krankheitsentstehung ist weitestgehend unbekannt, es werden genetische und äußere Faktoren als mögliche Auslöser diskutiert. Die drei Säulen der Therapie bestehen aus der Behandlung von akuten Schüben, immunmodulierenden Wirkstoffen zur Vorbeugung von Schüben und einer Therapie der einhergehenden Beschwerden, beispielsweise Schmerz-, Psycho-, oder Physiotherapie. Da Krankheitsverläufe individuell sehr unterschiedlich sind, ist auch eine generelle Abschätzung der Prognose kaum möglich1Checkliste Neurologie – https://www.doi.org/10.1055/b000000449.

Ursachen und Verbreitung der Multiplen Sklerose

Multiple Sklerose - Ursachen, Symptome und Behandlung

Die Multiple Sklerose (MS, auch Encephalomyelitis disseminata, ED) ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems, die sich an mehreren Orten des Körpers gleichzeitig bemerkbar macht und autoimmun vermittelt ist, also durch einen Angriff des Immunsystems gegen körpereigene Strukturen ausgelöst wird. Der Angriff des Immunsystems und damit die Entzündung betrifft das von Oligodendrozyten gebildete zentrale Myelin. Oligodendrozyten sind eine Art Helferzellen für Nervenzellen des zentralen Nervensystems und das von ihnen gebildete Myelin umgibt einen Teil der Ausläufer von Nervenzellen. Myelinscheiden, also die aus Myelin aufgebauten Umhüllungen von Nervenfasern, dienen ähnlich wie eine Isolierung von Stromkabeln einer schnellen Übertragungsgeschwindigkeit der Nervenfasern und deren Schutz und Regeneration nach einer Verletzung.

Multiple Sklerose führt demnach zu einer Schädigung der Myelinscheiden von Nervenfasern und betrifft graue und weiße Substanz in Gehirn und Rückenmark sowie myelinisierte Hirnnerven wie den Sehnerven. Nach einer akuten Entzündung bleiben Narben zurück, die sich als verhärtetes, nicht funktionales Hirngewebe darstellen. Eine Reihe von Umweltfaktoren, die zur Entstehung der Multiplen Sklerose beitragen könnten, werden diskutiert. Darunter zählen Rauchen, eine zu geringe Versorgung mit Vitamin D oder eine ungünstige Zusammensetzung der Darmflora2Checkliste Neurologie – https://www.doi.org/10.1055/b000000449. Eine im Januar 2022 veröffentlichte Längsschnittstudie von Forschern der renommierten Harvard-Universität kam zu dem Schluss, dass eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) das Risiko einer MS-Erkrankung um den Faktor 32 erhöht.

Zwar erkranken nur sehr wenige mit EBV infizierte Menschen an MS, jedoch sprechen die Studienergebnisse dafür, dass das Epstein-Barr-Virus einer der führenden Auslöser von Multipler Sklerose sein könnte3Longitudinal analysis reveals high prevalence of Epstein-Barr virus associated with multiple sclerosis – https://www.doi.org/10.1126/science.abj8222.

Die Erkrankungswahrscheinlichkeit scheint mit dem regelmäßigen Aufenthaltsort vor und in der Pubertät in Zusammenhang zu stehen. In nordeuropäischen Ländern und Nordamerika tritt Multiple Sklerose häufiger auf als in südlichen Ländern. In Nordeuropa sind 50–200 von 100.000 Menschen von MS betroffen. Eine familiäre Häufung von MS spricht für eine genetische Komponente der Erkrankung, denn Verwandte ersten Grades haben ein 10–20-fach erhöhtes Erkrankungsrisiko mit ca. 2% gegenüber 0,1% in der Allgemeinbevölkerung4Checkliste Neurologie – https://www.doi.org/10.1055/b000000449.

Symptome, Einteilung und Diagnose der Multiplen Sklerose

Je nach Lokalisation der Entzündungsherde im zentralen Nervensystem können auch Symptome der Multiplen Sklerose an verschiedenen Orten auftreten. Zu den häufig auftretenden Symptomen zählen:

  • Sehstörungen: Verschlechterung der Sehleistung oder Schleiersehen, häufigstes erstes Symptom bei jüngeren Patienten. Auch Doppelbilder durch Augenmuskellähmungen können auftreten.
  • Sensibilitätsstörungen: Herabgesetzte Empfindlichkeit bei Druck oder Berührung, Missempfindungen, selten Schmerzen.
  • Motorische Störungen: Spastische Lähmungen, gesteigerte Reflexe, selten Muskelzuckungen.
  • Das Kleinhirn betreffende Symptome: Koordinationsstörungen (Ataxie), Sprachstörung (Dysarthrie), Zittern bei zielgerichteten Bewegungen (Intentionstremor) und Bewegungsstörungen (Dysmetrien).
  • Autonome Störungen: Blasen- und Sexualfunktionsstörungen wie zwingender Harndrang, Inkontinenz, erektile Dysfunktion.
  • Den Hirnstamm betreffende Symptome: Chronische Schmerzerkrankung des Trigeminusnerven, der das Gesicht sensibel versorgt (Trigeminus-Neuralgie). Tritt bei ca. 1% aller MS-Patienten auf und 3% aller Patienten mit Trigeminus-Neuralgie leiden an MS.
  • Psychosyndrom: Euphorische oder depressive Stimmung.
  • Kognitive Beeinträchtigungen, evtl. Entwicklung einer Demenz.

Die Symptome nehmen meist in Schüben über Stunden oder wenige Tage zu und bilden sich teilweise oder vollständig über einen längeren Zeitraum zurück. Als Schub wird das Auftreten neuer oder Wiederauftreten von zuvor aufgetretenen neurologischen Störungen bezeichnet.

Die Dauer eines Schubs beträgt mehr als 24 Stunden, das letzte Schubereignis sollte mehr als 30 Tage zurückliegen und die Symptome sollten nicht durch Änderungen der Körpertemperatur oder eine Infektion zu erklären sein. Als mögliche Auslöser für einen Schub gelten Infektionen, außergewöhnliche psychische Belastungen, Lebend-Impfungen (z.B. gegen Gelbfieber), womöglich Traumata und Stress, Sonnenexposition oder Hitze.

Anhand der Verlaufsform kann die folgende Einteilung unternommen werden:

  • Schubförmig remittierende Verlaufsform (RRMS): Liegt in 85–90% der Fälle vor, bei Frauen ca. 2–3 mal häufiger als bei Männern. Zwischen den Schüben tritt eine vollständige oder unvollständige Remission, also ein Nachlassen der Symptome auf.
  • Sekundär progrediente Verlaufsform (SPMS): Zeichnet sich durch kontinuierliche Zunahme der klinischen Behinderungen mit oder ohne aufgelagerte Schübe aus. Bei 40-50% der von RRMS Betroffenen findet ein Übergang zur SPMS innerhalb von 10 Jahren statt.
  • Primär chronisch progrediente Verlaufsform (PPMS): Liegt in 10–15% der Fälle vor, Frauen und Männer sind gleich häufig betroffen. Es besteht eine schleichende Zunahme der neurologischen Funktionsstörungen ohne Schübe.

Ziel der Diagnostik ist der Nachweis einer entzündlichen, an mehreren Orten stattfindenden und zu unterschiedlichen Zeitpunkten auftretenden Erkrankung des zentralen Nervensystems. Neben einer allgemeinen neurologischen Untersuchung können im Rahmen einer neurophysiologischen Untersuchung evozierte Potenziale zur Messung der Leitfähigkeit und der Funktionsfähigkeit von Nervenbahnen gemessen werden.

Häufig ist beispielsweise der Sehnerv schon früh von der Erkrankung betroffen. Weiterhin kann eine Untersuchung des Liquors (Zerebrospinalflüssigkeit, umgangssprachlich Gehirnwasser) erfolgen. Mittels Magnetresonanztomographie (MRT) können Entzündungsherde nachgewiesen werden5Checkliste Neurologie – https://www.doi.org/10.1055/b000000449.

Therapie der Multiplen Sklerose

Die Basis der Therapie ist eine gute Aufklärung und Beratung von Betroffenen und vor allem zu Beginn eine engmaschige Kontrolle (alle 3–6 Monate) zur Beurteilung des Verlaufs durch einen Neurologen. Die Therapie der Multiplen Sklerose stützt sich auf drei Säulen:

  • Therapie des akuten Schubes: Zu Beginn erfolgt meist eine Gabe von  Glukokortikosteroiden, gegebenenfalls ultrahochdosiert bei nicht ausreichendem Ansprechen. Derzeit liegen keine sicheren Hinweise auf eine Beeinflussung des Langzeitverlaufs der Erkrankung durch Glukokortikosteroide vor.
  • Verlaufsmodifizierende Immuntherapie: Ziel ist ein frühzeitiger Therapiebeginn um weitere Schübe zu verhindern, den Krankheitsprozess womöglich zu stoppen und damit der Entwicklung von nicht mehr rückgängig zu machenden neurologischen Funktionsstörungen vorzubeugen. Die Wahl der Medikamente hängt davon ab, welche Verlaufsform vorliegt und ob die Erkrankung mild, gemäßigt oder (hoch)aktiv verläuft. Obgleich unterschiedliche Wirkmechanismen vorliegen, zielen die meisten Therapeutika auf eine Dämpfung des Immunsystems zur Abschwächung der Autoimmunreaktion gegen das körpereigene Myelin ab. Unterschieden werden Basistherapeutika wie β-Interferon von “Eskalationstherapeutika” wenn Basistherapeutika nicht ausreichen.
  • Symptomatische Therapie: Hier erfolgt eine Therapie der als Folge der Nervenentzündungen auftretenden Symptome. Je nach Symptomen kommen Physio- und Ergotherapie, Psychotherapie, Antidepressiva, Schmerzmittel, antriebssteigernde oder krampflösende Medikamente und Therapeutika gegen Blasen-, Darm-, Sexualfunktionsstörungen in Frage.

Zahlreiche neue Präparate wie Antikörper befinden sich in der Entwicklung. Möglicherweise werden in Zukunft Kombinationstherapien mit mehreren das Immunsystem verändernden oder dämpfenden Medikamenten zum Einsatz kommen6Checkliste Neurologie – https://www.doi.org/10.1055/b000000449.

Verlauf und Prognose der Multiplen Sklerose

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Symptome der Multiplen Sklerose zurückbilden, sinkt mit der Dauer eines Schubs. Während nach einem 7-tägigen Schub die Wahrscheinlichkeit einer kompletten Rückbildung der Symptome noch 85% beträgt, sind es nach einem Monat noch 30% und nach einem Jahr etwa 0%.

Bei jeweils etwa 20% der Betroffenen liegt eine “blande“ MS vor, bei der nie klinische Symptome auftreten oder eine “benigne“ MS mit nur leichten Symptomen. Rund die Hälfte der Betroffenen leidet unter einer mittelschweren bis schweren Verlaufsform und bei 10% führt eine “maligne” MS innerhalb weniger Jahre zu schwersten Behinderung und Tod. Der Anteil von Betroffenen mit Behinderung nach langjährigem Verlauf ist schwer einschätzbar, da auf längere Sicht eine Besserung der Prognose durch neue Therapien zu erwarten ist. Aktuell ist davon auszugehen, dass jeweils rund ein Drittel der Betroffenen arbeitsfähig bleibt, nicht arbeitsfähig aber zur Selbstversorgung fähig bleibt oder pflegebedürftig wird.

Eine Beurteilung des wahrscheinlichen Krankheitsverlaufs einer betroffenen Person kann besonders zu Beginn der Diagnose kaum erfolgen, da dieser von vielen Faktoren abhängt, die erst im Laufe der Erkrankung eingeschätzt werden können. Nach einer längeren Beobachtungszeit kann aber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein ähnlicher Verlauf prognostiziert werden.

Beispielsweise ist eine höhere Last von mittels Magnetresonanztomographie diagnostizierten Entzündungsreaktionen mit einer größeren Wahrscheinlichkeit einer höhergradigen Behinderung nach 5–10 Jahren assoziiert. Betroffene können in zahlreichen MS-Vereinen und Selbsthilfegruppen Beratung und Unterstützung erhalten, in Deutschland allen voran durch die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft e. V. (DMSG) oder das Krankheitsbezogene Kompetenznetzwerk Multiple Sklerose (KKNMS)7Checkliste Neurologie – https://www.doi.org/10.1055/b000000449.

Quellen & Verweise[+]

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